Der Pöstlingberg überragt Linz im Nordwesten, mit Blick über die Donau und das Mühlviertel. In den 1830er-Jahren gehörte er zur Maximilianischen Turmlinie, einem Habsburger Befestigungsgürtel um die Stadt. Direkt neben der Wallfahrtskirche steht ein Haus der Biedermeierzeit, das von außen wie ein unscheinbares Handwerkerhaus wirkt. Urkundlich erstmals als Schulhaus am Berg erwähnt, diente es später als Standort eines Devotionalienhandels und ist seit 1902 in Familienbesitz.
Michaela Frank ist Biologin, Bildhauerin, Keramikerin und Kunsttherapeutin und nach eigener Aussage ein totaler Gestaltungsmensch
. Sie bewahrte das Haus vor dem Verfall, klärte die Grundbuchfragen und konzipierte den gesamten Innenraum selbst, bis hin zum Lichtkonzept. Ihr keramisches Christkindl kaufte die Diözese an. Nun übergibt sie das Haus an die nächsten Eigentümer.

Michaela Frank: Biologin, Bildhauerin und Kunsttherapeutin
1. Frau Frank, was hat Sie bewogen, ausgerechnet hier zu leben und zu arbeiten?
Als Künstlerin brauche ich eine Umgebung, die mich innerlich anspricht. Hier ist die Stadt ganz nah und scheint doch weit weg. Der Blick über Linz und die Donaulandschaft sowie die Topografie des Pöstlingbergs mit seinen alten Türmen und Verteidigungsstrukturen tragen wesentlich dazu bei. Als ich zum ersten Mal hierherkam, wusste ich sofort: Hier kann ich atmen. Hier will ich leben und arbeiten.

Dominierend am Gipfel: Römerburg
und Basilika
2. Das Haus war seit 1902 in Familienbesitz und stand lange leer. Ihr Stiefvater nannte es die alte Römerburg
und wollte es verfallen lassen. Wie haben Sie und Ihre Mutter die Entscheidung getroffen, es zu retten?
Das ist schwer rational zu erklären. Manche Häuser betritt man und verlässt sie sofort wieder. Bei anderen nimmt man zunächst vieles wahr, bleibt aber unsicher und muss erst überlegen. Und dann gibt es diesen seltenen Moment, in dem man spürt: Da ist etwas. Genau so war es hier.
Wir haben das Haus gesehen und wussten beide ziemlich schnell, dass wir es retten wollen. Das war keine rationale Überlegung, sondern eher eine unmittelbare Zuneigung und ein Gefühl der Verbundenheit.

Der Pöstlingberg mit der Römerburg
um 1849 - Zeichnung des Linzer Malers Leopold Zinnögger
3. Sie beschreiben den Umbau als vierzigjährigen Dialog mit der Bausubstanz
. Was bedeutet das konkret? Wie lernt man, einem Haus zuzuhören?
Man setzt sich in einen Raum und lässt ihn zunächst einfach wirken – ohne Konzept, ohne Eingriff. Man beobachtet Licht, Proportionen und Atmosphäre, immer wieder, über längere Zeit. Daraus entwickeln sich langsam Bilder und Möglichkeiten. Und irgendwann entsteht ein Punkt, an dem man weiß: So kann es gehen. Ab dann beginnt die Umsetzung.
4. Wie haben Sie die Abstimmung mit dem Denkmalschutz und Ihren eigenen gestalterischen Anspruch in Einklang gebracht?
Der Denkmalschutz war für mich kein Konfliktfeld. Das liegt sicher daran, dass sich der Denkmalschutz hier primär auf den Fassaden- und Ensembleschutz bezieht und nicht auf den Innenraum. Ein historisches Gebäude hat eine starke eigene Präsenz, die man respektieren muss. Mein Ziel war keine museale Lösung, sondern eine zeitgemäße Weiterführung mit Komfort, die den Charakter des Hauses erhält. Ich war mir immer der ästhetischen Grenzen eines modernen Umbaus bewusst. Ich wollte keine Konkurrenz zwischen verschiedenen Bauzeiten, sondern eine gelebte Entwicklung. Insgesamt gab es nur zwei Abstimmungen zwischen meiner Architektin und dem Bundesdenkmalamt.
Meine gestalterischen Vorstellungen waren von Anfang an klar: ein Wintergarten über dem ehemaligen Geschäftsbereich, um das Haus zur Landschaft hin zu öffnen, sowie eine Terrasse im rückwärtigen Dachbereich. Diese beiden Eingriffe sollten den Bestand nicht brechen, sondern seine Struktur weiterdenken und dabei die ursprüngliche Form des Hauses zitieren. Ergänzt wurde das durch sehr konkrete funktionale Wünsche. Ich wollte eine Badewanne im Altbau, einen Lift und eine möglichst offene Raumsituation. All das ließ sich in Abstimmung mit der Behörde umsetzen.

Öffnung des seitlichen Dachbereiches an die Kirche angrenzend
5. Die Lichtgestaltung war eine jahrelange Herausforderung. Sie sagen, Sie hätten das keinem Architekten überlassen können. Was macht Licht in einem historischen Haus so schwierig und was haben Sie schließlich gefunden?
Ich würde nicht sagen, dass es grundsätzlich schwierig war, aber es gab von Anfang an ein sehr klares inneres Konzept, das sich nur schwer in technische Sprache übersetzen lässt. Mir ging es darum, die historische Architektur durch Licht überhaupt erst erfahrbar zu machen und bestimmte Räume wie auf einer Bühne zu inszenieren.
Jede Entscheidung begann mit der Frage: Wie fällt das Licht und wie wirkt der Raum? Auch bei Spots stellte sich immer wieder die gleiche Frage: Wie wirken Lichtkegel und Schatten zueinander? Denn entscheidend ist nicht nur das Licht selbst, sondern das Muster, das es im Raum hinterlässt.
Ein Beispiel war das untere Gewölbebad. Eine zunächst ausgewählte Lampe erzeugte nach der Montage einen tiefroten Lichtkegel auf den weißen Fliesen. Das war nicht das, was ich wollte. Am Ende wurde es eine sehr einfache, reduzierte Lösung für Feuchträume. Oft waren es gerade die schlichten Lösungen, die funktionierten. Daraus entwickelte sich die visuelle Sprache des Hauses: klar und kompromisslos.

Aufstockung über dem ehemaligen Geschäftsbereich: ein Blick in die Weite. Der Eingriff war einer der wenigen, die das äußere Erscheinungsbild des Hauses veränderten.
6. Neben der sichtbaren Bausubstanz haben Sie im Hintergrund auch eine juristische Sanierung
vorgenommen. Was mussten Sie ordnen, um das Haus für die Zukunft auf ein sicheres Fundament zu stellen?
Als ich das Haus übernahm, war mir anfangs nicht bewusst, dass die Rechtsfragen rund um die Liegenschaft seit langer Zeit ungeklärt waren. Dieser Umstand war wohl die größte Herausforderung. Es gab einen historischen Zustand, der über Generationen hinweg zwar gelebt wurde, im Grundbuch jedoch keine durchgehende Entsprechung fand.
Im Klartext bedeutete das, dass das gesamte Areal nicht als Baugrund erfasst war. Da das Haus fast vollständig von Kirchengrund umgeben ist und nur ein einziger Nachbar vorhanden ist, waren die Klärungen entsprechend langwierig und komplex.
Ich musste diese rechtliche Situation Schritt für Schritt aufarbeiten, was jahrelange Arbeit bedeutete. Dazu gehörten Grenzbereinigungen mit Geometern ebenso wie die Neuvermessung des gesamten Areals. Ein entscheidender Meilenstein gelang 2011, als das Geh- und Fahrtrecht über die Verbindungsstraße dauerhaft im Grundbuch gesichert wurde. Erst dadurch wurde die Grundlage für die bauliche Weiterentwicklung geschaffen.
Die Zufahrt zur Straße führt über einen kleinen Wiesenstreifen. Dahinter kann auf eigenem Grund ein Parkplatz angelegt werden. Der Zukauf dieser vorgelagerten, 15 m² großen Grundstücksfläche ist vorvertraglich fixiert und wird derzeit grundbücherlich umgesetzt. Die entsprechenden Behördenanträge werden in Kürze eingereicht.
Ich übergebe das Haus in dem Bewusstsein es rechtlich und baulich auf eine klare Grundlage gestellt zu haben.
7. Der Pöstlingberg mit Basilika und Stadtsilhouette ist für die Linzer ein vertrauter Anblick. Das Haus selbst ist als Privatbesitz jedoch kaum bekannt. Was erwartet jemanden, der zum ersten Mal eintritt?
Absolute Überraschung. Von außen wirkt das Haus eher bescheiden, fast zurückhaltend. Beim Eintreten verändert sich der Eindruck: Ein hoher Raum öffnet sich, der im ersten Moment unerwartet weit wirkt. Dieser Kontrast zwischen äußerer Erscheinung und innerem Raum prägt das gesamte Haus. Viele Besucher sind überrascht, wie anders das Haus von innen wirkt, als sie es von außen erwartet hätten.
Jeder Raum hat seinen eigenen Charakter und keiner lässt erahnen, wie der nächste wirkt. Besonders auffällig ist die Stille im Haus. Selbst die nahe gelegenen Kirchenglocken sind im Inneren kaum wahrnehmbar, ebenso wenig das rege Leben rund um die Wallfahrtskirche.
Der Essbereich in der unteren Küche wird von Gästen oft als besonders angenehm empfunden. Viele bleiben dort länger sitzen, als sie ursprünglich vorhatten. Es ist ein Kraftplatz.

Der große Wohnraum von der Galerie aus. Die Lichtführung folgt der Geometrie des Dachstuhls. Die Steinwand entspricht der Stelle des gezeigten Durchbruchs.
8. Sie sehen das Haus als Werk und sind es gewohnt, Werke aus der Hand zu geben. Was wünschen Sie sich für das nächste Kapitel?
Ja, dieses Haus ist im Grunde mein größtes Werk, und ich bin stolz darauf. Ich habe das gesamte Innere ohne fremde Hilfe konzipiert und Raum für Raum gemeinsam mit dem Baumeister umgesetzt. Ich bin dankbar, dass mir diese Möglichkeit überhaupt gegeben war, auch unter finanziellen Gesichtspunkten. Insgesamt war es für mich ein großes Privileg, an diesem Haus arbeiten zu dürfen, keine Selbstverständlichkeit. Aber ein echtes Werk lebt auch davon, dass man es irgendwann freigibt.
Für das nächste Kapitel wünsche ich mir Bewohner, die das Potenzial und die Vielschichtigkeit dieses Ortes erkennen. Wichtig ist mir dabei vor allem eines: Das Haus soll und darf sich verändern. Es muss nicht so bleiben, wie es ist, nur weil ich hier meine Vorstellungen umgesetzt habe. Jede Generation bringt eigene Ideen und eigene Formen von Lebendigkeit mit.
Ich wünsche mir, dass die neuen Eigentümer diesen geschützten Ort verstehen und ihre eigenen Vorstellungen darin weiterentwickeln. Das Haus ist dafür offen.
9. Das Christkindl vom Pöstlingberg
und sein Ankauf durch die Diözese verbinden Ihr Werk mit diesem Ort. Welche Bedeutung hat diese Verbindung für Sie?
Eine direkte inhaltliche Verbindung zwischen dem Werk und dem Ort gibt es für mich als Künstlerin eigentlich nicht. Mein plastisches Arbeiten entsteht unabhängig von der geografischen Situation oder der unmittelbaren Umgebung der Kirche. Das Christkindl
ist aus einer gedanklichen und spirituellen Auseinandersetzung mit dem Weihnachtsevangelium hervorgegangen und stellt meinen persönlichen Zugang zu diesem Thema dar:
Das Erdgeborene wird verdeutlicht durch das Material Ton – die gebrannte Erde. Das Tuch als organisches Gewebe gibt den Hinweis auf die Leibhaftigkeit und verweist mit seiner Wickeltechnik bereits voraus auf das Kreuz, das Grabtuch und die spätere Auferstehung. Doch das Eigentliche ist unsichtbar: Das Wesen Gottes ist die unendliche, nicht vorstellbare Fülle. Erst von dieser Geburt an ist Leben in seiner erdhaften und transzendenten Erscheinungsform möglich.
Der Ankauf durch die Diözese war für mich vor allem eine Form der Anerkennung dieses Werkes, das auch technisch eine besondere Herausforderung darstellt. Der Bezug zum Pöstlingberg ergibt sich dabei eher über den Entstehungsort als über den Inhalt des Werkes.
Die eigentliche Verbindung liegt für mich auf einer anderen Ebene: Das Haus selbst, meine Römerburg
, hat mir über Jahrzehnte den geschützten Raum gegeben, in dem solche Arbeiten überhaupt entstehen konnten. In diesem Sinn ist nicht der Ort prägend für das Werk, sondern das Haus als Arbeits- und Lebensraum.

M. Frank (1993): Das Christkindl vom Pöstlingberg